Die Verhandlung war am 15. Mai 2001, an diesem Morgen konnte ich nichts essen und war sehr aufgeregt. Ich fuhr mit meinen Eltern und Jasmin zuerst zu der Frau vom Opferschutz, sie begleitete uns zum Gericht was mir gut tat, denn die ganze Situation war sehr aufwühlend für mich.
Als wir zum Gerichtssaal gingen sah ich ihn plötzlich, er stand mit seiner Frau, die immer noch zu ihm hält, vor dem Saal und mir wurde heiß und kalt zugleich als ich ihn sah. Ich versuchte aber mir nichts anmerken zu lassen und sprach mit meiner Familie und Anwältin um die Zeit zu überbrücken.
Nach kurzer Zeit wurden wir alle in den Gerichtssaal gerufen, die Zeugen wurden genannt und belehrt, dann verlas die Staatsanwältin die Anklageschrift. Die Zeugen mussten danach wieder den Gerichtssaal verlassen, mir wurde freigestellt ob ich im Saal bleibe, da ich als Nebenklägerin das Recht hatte, von Anfang an dabei zu bleiben. Ich hatte mir vorher schon Gedanken darüber gemacht und entschieden, dabei zu bleiben, da ich wissen wollte, was er sagt.
M. wurde zuerst nach seinen Personalien befragt und belehrt. Danach wurde er gefragt, ob er sich zu der Anklageschrift äußern möchte. Er sagte, dass er sehr nervös sei und ein Schriftstück verfasst hätte um es vorzulesen. Dies wurde genehmigt und M. fing an zu reden.
Er gab den Missbrauch zu, ich glaubte mich verhört zu haben, doch es war tatsächlich so. Er sagte aber, dass dies alles nach meinem 14. Geburtstag war, er könne sich gut daran erinnern, weil er an einem Geburtstag seines Vaters, seinen Onkel wiedergesehen hätte, der ihn in selbst missbraucht haben soll. Ich glaube dies nicht, empfinde es als eine Ausrede, denn wie müsste ich heute handeln, wenn es tatsächlich so sein soll? Wenn man wirklich missbraucht wurde kennt man doch die Gefühle und würde so etwas niemals einem Kind antun, oder? Es gibt zwar Studien die sagen, dass männliche Opfer oft zu Tätern werden, doch ich glaube es einfach nicht. Es ist in meinen Augen eine Ausrede, weil man nicht zu seinen Taten stehen will, vielleicht auch Mitleid erhofft, nicht mehr!
Jedenfalls sei das Treffen mit seinem Onkel sehr aufwühlend gewesen. Danach kam M. zu uns nach Hause und hat mich das erste mal in meinem Bett aufgesucht um mich zu missbrauchen. Er schilderte den ersten Missbrauch aus seinen Augen: es wäre ein Trost suchen und kuscheln gewesen. Das er seine Hand in meine Hose schob und sie an mir rieb nein, dass sagte M. nicht. Er räumte dann ein, dass es zu den anderen Vorfällen die ich geschildert habe kam, betonte aber immer wieder, dass es nach meinem 14. Geburtstag war.
Er erwähnte dann noch Dinge die nie geschehen sind, so sollen Jasmin und ich in Unterwäsche bekleidet zu ihm gegangen sein, und zu ihm gesagt haben, dass er uns mal seinen Penis zeigen soll. Er sagte noch andere Dinge die ich jetzt aber nicht mehr weiß.
Danach wurde ich befragt, zu den Taten musste ich nichts mehr sagen, weil M. sie eingeräumt hatte, es ging nur noch um den Zeitraum. Ich sagte, dass ich selbst nicht einordnen kann wann es begonnen hatte, ich aber mit meiner Mutter eingrenzen konnte, wann er bei uns zu „Besuch“ war. Meine Aussage war glücklicherweise nicht sehr lange, danach musste ich zur Toilette und seine Anwältin fand das wohl nicht in Ordnung, so das mir ein Justizangestellter folgte und aufpasste, dass ich nicht mit den anderen Zeugen rede.
In dieser Zeit machte meine Mutter Ihre Aussage, so das ich nicht sagen kann, was sie sagte. Ich ging dann wieder in den Gerichtssaal und mein Vater machte seine Aussage. Er sagte das gleiche wie in seiner Aussage beim LKA, zu den Zeiträumen sehr wenig, aber das er mal mitbekommen hat, dass M. in unser Zimmer wollte und mein Vater ihn dann rausgeschmissen hätte und danach längere Zeit kein Kontakt zu M. bestand.
Jasmin machte danach ihre Aussage, sie konnte zu den Zeiträumen auch nicht sehr viel sagen. Der Richter sagte dann, dass sie erzählen soll, wie es war, als sie und ich zu M. gingen und ihm sagten, dass er uns seinen Penis zeigen soll. Jasmin sagte, dass so etwas nie gewesen sei. Dies war wohl ein „Test“ vom Richter? Wie auch immer, Jasmins Aussage ging dann auch zu Ende.
Die Anwältin von M. beantragte dann noch, dass seine Frau, die übrigens die ganze Verhandlung über im Gerichtssaal war, als Zeugin gehört wird. Es wurde genehmigt. Da frage ich mich heute, wie es sein kann, dass man mir nachgeht, wenn ich zur Toilette gehe, aber eine Zeugin die alle Aussagen hört zum Schluss noch als Entlastungszeuge für M. vernommen wird? Sie betonte, dass M. niemals vor meinem 14. Geburtstag bei uns übernachtet hätte, alles weitere weiß ich leider auch nicht mehr.
Als alle Aussagen beendet waren, kam es zu den Plädoyers. Die Staatsanwältin forderte 2½ Jahre ohne Bewährung, meine Anwältin schloss sich ihr an, und die Verteidigung forderte Freispruch, da es nicht sicher sei, ob es vor meinem 14. Geburtstag war. Der Richter und die Schöffen zogen sich zurück und kamen nach kurzer Zeit, die für mich aber eine Ewigkeit war, zurück und verlasen das Urteil, dass mir einen Monat später auch schriftlich zugesendet wurde.
Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil
Der Angeklagte wird freigesprochen.
(Wenn du das gesamte Urteil lesen magst klick hier)
Ich war vollkommen geschockt und die Tränen liefen aus meinen Augen, Jasmin hatte den Gerichtssaal verlassen, wohl auch unter Schock stehend.
Die Begründung hörte ich nicht mehr, mein inneres war weit weg. Meine Anwältin sagte etwas von Berufung und dem begründeten Urteil. Ich stimmte dem zu. Danach fuhren wir alle nach Hause, ich hatte zuerst noch Mut und wusste das in dem Urteil stehen wird, dass er es getan hat aber wegen der Altersgrenze nicht verurteilt werden konnte. Doch schon kurze Zeit später brach alles in mir zusammen, Freispruch? Wieso nur, er hat es doch zugegeben, warum ist es nicht strafbar was er getan hat?
Einige Tage später erfuhr ich, dass die Staatsanwaltschaft auch Berufung eingelegt hatte, dies war ein kleiner Vorteil für mich, denn wenn er wieder freigesprochen wird, trägt die Kosten die Staatskasse, und nicht ich.
Im September stand fest, dass am 26.10.01 die Berufungsverhandlung ist. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich sehr mut- und kraftlos. Es gab kaum neue Erkenntnisse, keinen „Beweis“, dass es vor meinem 14. Geburtstag war... Ich hatte zwar mit einer damaligen Schulfreundin telefoniert und dadurch erfahren, dass ich ihr von dem Missbrauch erzählt habe, doch auch sie wusste nicht mehr, wann ich es ihr sagte.
Eines Tages fragte mich meine Mutter, ob ich mich noch an mein Praktikum erinnern würde, damals hatte mich M. mit dem Auto abgeholt, da seine Frau eine Fortbildung machte. Ich sah die Situation vor mir, spürte meine Gefühle als ich in sein Auto stieg und wusste, dass es davor schon zu dem Missbrauch gekommen war. Allerdings wusste weder meine Mutter noch ich, wann das Praktikum war. Ich entschloss mich dann dazu, meine damalige Lehrerin anzurufen. Sie war sehr erstaunt über meinen Anruf und ich erklärte ihr worum es ging. Sie sagte dass sie es auf Anhieb nicht wisse, aber gern in einem Kalender nachschauen kann. Nach einer kleinen Ewigkeit war sie wieder da und las alles vor, dass wir im Schuljahr 1992-1993 machten, und dann kam sie zu dem Praktikum. Es war im Mai sagte sie, und ich fragte noch nach dem Jahr, im Mai 1992 war es, also einen Monat vor meinem 14. Geburtstag. Ich fühlte mich sehr erleichtert und erzählte eine Woche später meiner Anwältin davon. Sie fand die Umstände wie wir zu dem Datum kamen sehr gut und freute sich für mich.
Dann verging die Zeit sehr schnell und ich wurde mit jedem Tag nervöser. Einen Tag vor der Berufungsverhandlung rief mich meine Anwältin an und erzählte mir, dass der Richter möchte, dass wir die Berufung zurück ziehen, da gerade mal 30% dafür sprachen M. zu verurteilen. Ich war sehr sauer darüber und konnte mal wieder nicht fassen, wie die Gerechtigkeit in diesem Land ist. Wir zogen die Berufung aber nicht zurück.
Am nächsten Tag war es dann soweit, meine Anwältin sagte, dass ich besser warten sollte, bis ich zu meiner Aussage reingerufen werde, weil der Richter wieder damit anfangen würde, die Berufung zurück zu ziehen. Ich blieb also in der Cafeteria sitzen, heute denke ich, dass ich lieber mit rein gegangen wäre um mitzubekommen was im Verhandlungssaal passierte. Ich konnte nicht lange in der Cafeteria sitzen bleiben, war zu nervös, also ging ich nach oben.
Als ich am Gerichtssaal ankam, standen meine Eltern und Jasmin vor dem Saal und erzählten mir, dass sie noch gar nicht reingerufen seien, dass war seltsam und ich fragte mich, was nur los war... Kurze Zeit darauf kam meine Anwältin und erzählte, dass der Richter wieder sagte, dass wir die Berufung zurück ziehen sollen, wir dies aber auf keinen Fall tun, es nun aber zwei Möglichkeiten gibt:
Wir können das Risiko eingehen und auf die Verhandlung bestehen, dass bedeutet aber, dass wenn er wieder freigesprochen wird, dieses Urteil dann rechtskräftig wäre und wir danach nichts mehr tun können, oder aber wir könnten uns auf einen Vergleich einigen. Sie erklärte mir was es bedeutet, dass mir dann Schmerzensgeld zugesprochen wird und er sich mir nicht nähern darf. Ich sollte nun in Ruhe überlegen was ich tun möchte.
Ich war sehr aufgebracht und sauer, fühlte mich mutlos und dachte, dass alles umsonst war, er weiterhin tun und lassen kann was er möchte, vielleicht weiterhin Kinder missbrauchen kann und dass das letzte 1¾ Jahr umsonst waren. Ich war sehr verzweifelt in diesem Moment und konnte mich nicht entscheiden. Meine Mutter meinte, dass der Vergleich besser wäre, nicht das er wieder freigesprochen wird, dann wäre wirklich alles umsonst gewesen. Ich entschied mich dann für den Vergleich und meine Anwältin ging wieder in den Gerichtssaal.
Wir gingen dann wieder in die Cafeteria und warteten auf ein Ergebnis, für mich war diese Zeit unbeschreibbar gewesen, wir saßen da und keiner wusste wie es nun weiter ging, ob sie sich einigen können oder es doch noch zu einer Verhandlung kommt? Nach einiger Zeit ging die Frau vom Opferschutz zum Gerichtssaal um zu schauen wie es weiter geht. Kurz darauf kam sie schon zurück und sagte, dass sie sich geeinigt hätten. Da fasste ich den Entschluss zum Gerichtssaal zu gehen, ich wollte M. noch einmal in die Augen schauen, dass konnte fast niemand verstehen, doch für mich war es sehr wichtig. Ich wollte zeigen, dass ich keine Angst mehr vor ihm habe. Er kam dann auch kurz danach aus dem Saal und schaute sofort weg und stellte sich hinter seine Frau. Ich fühlte mich sehr stark in diesem Moment.
Meine Anwältin kam kurz darauf auch aus dem Gerichtssaal und war erfreut was ich irgendwie nicht verstand, sie erzählte, dass er mir 2500,- DM Schmerzensgeld zahlen muss, er sich mir nicht nähern darf und die Akte 10 Jahre bestehen bleibt. Sollte er noch einmal angezeigt werden, ist wenigstens festgehalten, was er mit mir tat. Sie sagte dann noch das der Freispruch weg sei, was ich zuerst nicht verstanden habe, sie erklärte dann, dass das erste Urteil, nicht rechtskräftig wäre, weil wir die Berufung nicht zurück gezogen haben. Dies war doch wirklich ein kleiner Gewinn.
Gerechtigkeit habe ich keine bekommen, doch der Weg hat sich gelohnt, weil ich dadurch mit dem Missbrauch abschließen konnte. Es hat mir geholfen, das Kapitel M. zu schließen, denn ich kann es nun ansehen ohne das es mich verletzt. Die Texte zu schreiben war zwar aufwühlend, doch es ist auch ein gutes Gefühl dabei. Ein Gefühl, dass ich stolz auf mich sein kann, weil ich mein Schweigen gebrochen habe und meine Möglichkeiten genutzt habe. Ich habe ihm gezeigt, dass es falsch ist was er tat.
Bleibt noch eine Frage offen, wie kam M. in unsere Familie? Er war ein Arbeitskollege von meinem Opa, dieser ist der Vater von V., Zufall?

Dieser Text stammt von der Webseite „der lange weg ins licht“, und findest du unter www.derlangeweginslicht.de/verhandlung.php
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