Meine liebe Oma
Hab ich dir schon mal von meiner Oma erzählt?
Bei meiner Oma, (Mutter meines Vaters), war ich als Kleinkind und darüber hinaus sehr viel. Es gibt manche Bilder von dieser Zeit, man sieht ein lachendes und fröhliches Kind, dass war tatsächlich ich. Auf diesen Bildern bin ich zwei und drei Jahre, die Zeit bei meiner Oma war immer sehr schön.
Sie liebte mich und ich spürte diese Liebe zu jeder Zeit. Bei ihr ist mir nie etwas passiert, dort war ich sicher und behütet. Sie hatte Bonbons in der Schublade, spielte mit mir und abends betete sie mit mir.
Unser Verhältnis war sehr innig, auch wenn wir uns in den letzten Jahren wenig gesehen haben, ich wurde erwachsen, hatte mein eigenes Leben und auch viel mit meinem Weg zu tun. Zu den Feiertagen oder Geburtstagen sahen wir uns aber immer.
2004 bekam sie Darmkrebs und wurde operiert, danach Chemo. Das war schon sehr schlimm für mich, weil ich große Angst um meine Oma hatte. Ich surfte im Internet, informierte mich über Darmkrebs was mich aber auch sehr verunsicherte, weil ich mit dem Schlimmsten rechnete. Doch alles ging gut und sie erholte sich langsam wieder.
Im Mai 06 kam sie wegen einer Thrombose ins Krankenhaus, sie bekam Tabletten und durfte bald darauf wieder nach Hause. Doch nur eine weitere Woche später wurde wieder eine Thrombose festgestellt, die laut Blutbild eigentlich gar nicht hätte sein können und sie musste schon wieder ins Krankenhaus, nun wurde auch ein CT gemacht.
Das Ergebnis der Untersuchungen bekamen wir am 06.06.2006, ich war gerade bei Jasmin und meinem Patenkind als meine Mutter klingelte.
Ich saß im Esszimmer und hörte schon vom Flur ein weinen und erschrak ziemlich, was ist nur passiert? Als Jasmin mit meiner Mutter rein kam weinten beide und meine Mutter sagte unter Tränen was die Ärzte festgestellt haben.
Die Leber sei voller Metastasen, der Doc sagte das meine Oma keine lange Lebenserwartung mehr hätte und das selbst eine Chemo nur Leidensverlängerung sei.
Ich war vollkommen geschockt, doch Tränen kamen nicht aus mir raus. Ich konnte einfach nicht fassen was ich da hörte. Erst als ich nach Hause fuhr, liefen die Tränen aus meinen Augen. Ich stand regelrecht neben mir, zitterte und alles fühlte sich so unwirklich an. Ich hab aber recht schnell entschlossen für sie da sein zu wollen, sie zu begleiten.
Meine Oma wusste von alldem noch nichts, meine Eltern wollten ins Krankenhaus fahren und es ihr gemeinsam mit dem Arzt sagen. Dies war am nächsten Tag aber leider nicht möglich. Ich überlegte zu ihr zu fahren, doch konnte nicht so tun als ob alles ok wäre und entscheid mich an diesem Tag dagegen, aber ich rief sie an.
Ich schrieb ihr auch eine Karte die ich ihr aber erst geben konnte wenn sie es weiß.
Auch am nächsten Tag wusste sie es noch nicht, aber ich ging sie dann mit Martin dennoch besuchen. Also schrieb ich eine neue Karte der Grafikwerkstatt Bielefeld
Ich hab` dir einen Heilkräuterstrauss gepflückt. Mit Gute-Laune-Blumen, Kicherkraut und Glücksklee.
(Text: © Jochen Mariss )
und auf die Rückseite einige persönliche Worte und kaufte passend dazu einen Blumenstrauß. Als wir im Krankenhaus waren sprachen wir zuerst über allgemeines und dann plötzlich im Nebensatz die Worte meiner Oma „meine Leber ist befallen“. Ich war ziemlich geschockt, also wusste sie es schon. So nach und nach kam alles zum Vorschein und dann sagte sie „das ist sozusagen das Todesurteil“.
Sie erzählte alles sehr ruhig und schien sehr stark zu sein, sie überlegte nun ob sie wieder Chemo machen sollte oder nicht und schien mir sehr klar zu sein. Wir lachten aber auch gemeinsam und waren bis 22 Uhr bei ihr.
Den Tag darauf wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen und war noch bei ihrer Hausärztin die von der Chemo abgeraten hatte. Zu meiner Mutter sagte die Ärztin das meine Oma nun zuerst mal ihren Geburtstag feiern soll, meine Oma wurde am 26.06.2006 70 Jahre, es wäre ihr letzter, mit oder ohne Chemo.
Am 11.06. wurde mein Neffe getauft und zur Taufe kam Oma auch, sie war zwar sehr schwach und blieb auch nicht so lange aber es war schön das sie da war. Ich hatte ihr ein Mut-Mach-Buch gekauft, einen kleinen Engel und wieder eine Karte die ich ihr abends noch nach Hause brachte.
Ich schenke dir eine Schönwetterwolke in Form eines Elefanten, ich schenk dir den Klang von Schritten im Gras, den Duft von Zimt und Glück, ein sehr leises Lächeln, das behagliche Schnurren einer goldgelben Katze und den Flügelschlag meiner guten Wünsche.
Da mir die ganze Sache sehr zu schaffen machte bestellte ich mir Bücher von Elisabeth Kübler-Ross die
ich in einem durchlas.
Leben bis wir Abschied nehmen
und Interviews mit Sterbenden
half mir in dieser Situation sehr.
Am 18.06. kam dann ganz unverhofft der nächste Schlag, meine Oma bekam einen leichten Schlaganfall und lag seit dem auf der Stroke Unit Station im Krankenhaus. Der Schlaganfall drang in tiefe Regionen und die Ärzte konnten meiner Oma nicht die Medikamente geben die sie eigentlich benötigt hätte wegen den Lebermetastasen. Zudem hatte sie eine Thrombose am Oberschenkel die eigentlich operiert werden müsste was aber wegen dem Schlaganfall nicht möglich war. Es war zum heulen, jetzt behinderten sich die Krankheiten schon gegenseitig.
Mir ging es recht schlecht zu dieser Zeit, ich war verzweifelt und weinte viel. Als ich sie im Krankenhaus besuchte bin ich richtig erschrocken weil ich sie kaum noch erkannte.
An meinem Geburtstag, dem 23.06. war das erste mal das meine Oma sich nicht gemeldet hatte, ich hatte natürlich Verständnis dafür, aber es machte mich so traurig. Als meine Eltern abends kamen erzählten sie mir das Oma mehrmals sagte das sie sterben möchte.
Drei Tage später wurde meine Oma 70., einen Tag zuvor war ich noch lange bei mir, wir sprachen nicht so viel, aber die Nähe tat mir unheimlich gut. An ihrem Geburtstag selbst war sie noch schwächer geworden und etwas verwirrt, so das ich nicht weiß ob sie meine Glückwünsche verstanden hatte oder nicht. Als ich an diesem Tag das Krankenzimmer verließ weinte ich und hatte plötzlich das Gefühl das ich sie das letzte mal lebendig gesehen habe, doch sie hielt weiterhin durch.
Oma wurde immer stiller und reagierte kaum noch, die Ärzte sagten das meine Oma eine starke Depression hätte und deswegen nichts reden würde. Ich habe sie besucht und fast keinen Zugang mehr zu ihr gefunden.
Am 06.07. bekamen wir dann Bescheid das Oma in den nächsten 1-2 Wochen nach Hause kann, doch es sei nur zum sterben so, die Ärzte wussten nicht wann es so weit ist, sie sagten das es sich um Stunden oder Monate handeln könnte. Außerdem wurden nun auch in der Lunge Metastasen festgestellt. Ich war wieder sehr verzweifelt, wenn ich meine Oma besuchte lag sie oft teilnahmslos einfach da und reagierte kaum noch. Ich sprach viel mit ihr das ich nicht weiß was in ihr vorgeht und Angst habe was falsch zu machen, doch eine Antwort bekam ich nicht.
Am 12.07. war es dann so das es sehr schlecht um Oma stand, sie hatten nun auch im Gehirn Metastasen gefunden, sie sollte am 16.07. nach Hause kommen, doch es war nicht mehr klar ob sie das überhaupt noch schafft. Ich war ziemlich in Panik weil ich ihr noch so viel sagen wollte, mit ihr über den Tod reden und ihr sagen das sie keine Angst haben muss, doch ich fand einfach nicht die richtigen Worte bis ich ihr dann einen langen Brief geschrieben hatte in dem ich das was in mir war formulieren konnte.
Ich las ihr den Brief vor, ob sie mich gehört hat weiß ich leider nicht, aber ich hoffe es sehr, ich hoffe auch das ihr meine Worte gut getan haben.
Am 14.07. war ich dann den ganzen Mittag bei ihr. Sie hat gar nicht mehr reagiert, sie hatte die Augen zwar halboffen aber irgendwie ohne Reaktion. Ich sprach mit ihr, streichelte ihre Hand und ihren Kopf und las ihr aus dem kleinen Prinzen vor. Zwei mal kam eine Träne aus ihrem rechten Augenwinkel und ich sagte ihr, dass sie ruhig weinen darf und ob wir mal gemeinsam weinen sollen. Ich erzählte ihr das ich daheim auch weinen würde weil es so traurig ist. Aber wie bei allem keine Reaktion.
Nachmittags kam noch ein Pfarrer für sie und die Ärztin sagte mir das sie jeden Moment einschlafen könne. Es tat alles so weh...
Am 15.07. wurde ich durch einen Telefonanruf meiner Mutter geweckt, sie sagte mir das Oma keinen Puls mehr hätte. Wir machten uns sofort auf den Weg ins Krankenhaus. Ich stand völlig neben mir und war am überlegen ob sie nun tod ist oder nicht wenn sie keinen Puls mehr hat. Als Martin und ich im Krankenhaus ankamen waren meine Eltern und Geschwister schon da. Wir nahmen uns alle in den Arm und weinten.
Meine Oma lag völlig friedlich und still da. Ich schaute sie an, suchte nach einem Zeichen doch es war einfach vollkommen ruhig was ich gar nicht fassen konnte. Ihr Gesicht sah sehr sanft und erlöst aus und ich glaube das es ihr besser ging dort wo sie nun war. Doch es war dennoch sehr schwer. Wir waren noch lange bei ihr im Krankenzimmer, als wir dann fuhren küsste ich Oma noch einmal auf die Stirn und sagte wie immer „Tschüss Oma, ich hab dich lieb“.
Dieser Text stammt von der Webseite „der lange weg ins licht“, und findest du unter www.derlangeweginslicht.de/meinweg.php
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